Der Raum und ICH – Achtsamkeit durch Kunstbetrachtung

Bis Jänner 2019 ist im Unteren Belvedere die erste große Einzelausstellung der bolivianisch-amerikanischen Künstlerin Donna Huanca in Österreich zu sehen. Mit Skulptur, Malerei, Klang, Videos und Live-Performances kreiert sie unter dem Titel „Piedra Quemada“ ein „multisensorisches“Kunstwerk.

Achtsam das Hier und Jetzt wahrnehmen.

Der Rahmen für dieses ungewöhnliche Zusammenspiel bietet die barocke Architektur des Schlosses. Die Besucher treffen in den Ausstellungsräumen auf „livingmodels“, bunt bemalte, androgyne Wesen mit einem ins Leere gerichteten Blick, das Rundherum scheinbar vergessend. Ähnlich wie einst die „tableaux vivants“ (Ende des 18. Jahrhunderts) bilden die posenden Menschen vor den wild bemalten Wänden ein Bild, das ständig in Veränderung ist und wohl für jeden Ausstellungsgast etwas anderes darstellt. Interessant, nur was hat das mit Achtsamkeit oder gar mit Resilienz zu tun?

Wer sich Zeit nimmt, um dieses Raumbild sinnlich zu erfahren, wird in sein ganz persönliches Paralleluniversum eintauchen können und das Zusammenspiel von Menschen, Raum und Bewegung erspüren können. Wenn sich die Modelle vor den abstrakten Malereien ganz plötzlich bewegen und neue Positionen beziehen, ist man als Zuschauer nicht nur Beobachter dieser Dynamik. Gleichzeitig verspürt man das Bedürfnis, seine Zuschauerposition ein wenig zu verändern und mitzuwandern, um selbst einen neuen, passenden Platz in dieser Kunstwelt zu finden. Das ist das schöne an dieser Schau der 1980 in Chicago geborenen Künstlerin: sie spricht alle Sinne an, erinnert daran, dass wir nicht nur Zuschauer sind, sondern Teil und Akteure des (Lebens-)Raumes und des Systems um uns herum. Je länger man in diesem eigenartigen Kosmos verweilt, je intensiver man einfach im Raum ist, desto besser lässt sich das erkunden. Je mehr man in diesem abstrakten Raumgebilde ankommt, in diese Atmosphäre aus Farben, Materialien, Gerüchen und Geräuschen eintaucht, desto mehr treten die Fragen „Warum macht die Künstlerin das?“, oder „Was soll das?“ in den Hintergrund, man lässt sich im hier und jetzt mit-treiben.

(Meine) Bilder einer Ausstellung

Kunsterfahrungen dieser Art können neue Welten eröffnen und anregen. Bilder, Texte oder Musikstücke vermögen es ganz generell, die Aufmerksamkeit zu schärfen und helfen, achtsam zu werden, das Hier und Jetzt wahrzunehmen. Einfach einzuatmen, was ist. Neugierig betrachten, Fragen stellen. Nicht mehr, nicht weniger. Den Kosmos rundherum kennenlernen und sich in einer Kunst-Welt bewegen, die vielleicht so ganz anders, als die Alltagsumgebung ist. Einen Schritt heraus aus meiner Welt, einen Schritt hinein in eine andere Vorstellungswelt. Hinhören, hinsehen, nochmals hinsehen und spüren,  was sich da gerade tut, das ist ein Momentum.

Kunst als Weg und Übung der Achtsamkeit? Ja, wieso denn nicht? Gerade weil moderne Kunst bei dem einen oder anderen Widerstand erzeugt und Stirnrunzeln hervorruft: gerade dann, ist es interessant, ein Experiment zu starten und neue Räume zu erkunden. Künstlerische Werke sind nach außen gekehrte innere Bilder von Musikern, Malern oder Multimedia-Künstlern, die im Betrachter oder Zuhörer Assoziationen hervorrufen.

Draußen anders sehen

In diesem Sinne: ein Plädoyer für mehr spontane Kunsterfahrungen, um Achtsamkeit und damit auch Resilienz zu üben.

„Wir laden Sie ein, selbst etwas für sich zu tun, etwas völlig Neuartiges auszuprobieren, indem sie sich auf das Experiment einlassen, jeden Augenblick ihres Lebens bewusst zu erfahren“, so Jon Kabat Zin (MBSR-Gründer) zu seiner Arbeit mit Patienten in seiner Stress Reduction Clinic. Kabat-Zin erklärt weiter, dass es nicht darum gehe, für den Moment zu leben, sondern in ihm. Achtsamkeit lehre uns, vertraute Probleme in neuem Licht zu sehen und zu erkennen, wie alles miteinander zusammenhängt. Ich denke, dass Kunst ein guter Motor und Begleiter sein kann, um das „Im-Moment-Leben“ zu üben.