Es darf leicht sein …


… wir brauchen uns gar nicht so zu plagen, nicht im Leben und schon gar nicht in der Yogapraxis. Fokussiert sein, stark sein und gleichzeitig lächeln, das geht. Wie, erklärt Baliyoga-Gründerin Beate McLatchie. Es zahlt sich übrigens aus, die folgenden ACHT Fragen und Beates Antworten ACHTsam bis zum Schluss durchzulesen – zumindest für ein stilles Lächeln und ein kleines „Ah, so ist das!“

Tankstelle Yoga

„Yoga? Nein, das ist nichts für mich, viel zu fad“. Ganz ehrlich, früher, da konnte ich mit Yoga rein gar nichts anfangen. Jetzt möchte ich Yoga im Alltag nicht mehr missen. Allerdings, bei all dem Yogaboom, der derzeit in Stadt und Land um sich greift, frage ich mich, was denn davon überhaupt noch Yoga ist. Ich will zurück zur Basis und Antworten zu Yoga und dem Zusammenhang zur Resilienz finden. Eines vorweg, für mich ist Yoga tatsächlich eine Tankstelle, ein wunderbares Resilienztraining, das mich immer wieder „zurück zu mir“ bringen kann. Was Yoga für dich sein kann, darfst du selbst herausfinden, hier einige Anregungen für deinen Weg.

1. Resilienz ist eine innere Wachstumskraft. Oft wird sie mit einem Bambus verglichen. Fest verwurzelt, mit einem biegsamen Stamm und immergrünen Blättern. Gibt es Parallelen zu Yoga? Beate: „In Yoga nennen wir dieses Prinzip ’sthira-sukham asanam‘. Das ist ein Vers, ein Ausschnitt aus Patanjalis Yoga Sutras, der Grundleitfaden für Yoga aus der Antike, der genauso relevant für unser modernes Yoga heute ist. ‚Sukham‘ kommt von Leichtigkeit, Freude, Flexibilität & Fließen lassen. ‚Sthira‘ steht für Stärke, Kraft und Konzentration. ‚Asanam‘ ist die Körperposition, unsere Verbindung zur Erde. Also  eine yogische Körperposition darf stark & kräftig sein, aber mit Freude und Leichtigkeit ausgeführt. Diese zwei Gegensätze vereint kreieren eine ausgewogene Position. Ein Synonym für jede Lebenssituation: klar, fokussiert und aufmerksam mit Elan an die Sache gehen, aber dabei ohne Falten im Gesicht  und ohne die Lippen zu beißen mit Freude und Leidenschaft ans Werk. Es darf leicht sein. Es darf Freude machen. Man darf seine Leidenschaften ausleben in diesem Leben; obwohl es dazu Disziplin und regelmäßige Übung (Sadhana) braucht. ‚Übung macht den Meister‘. Aber in dem Moment, wo es verbissen wird, lieber eine Pause machen. Es steht im Gegensatz zu dem früheren sehr amerikanischen ‚Pioneer Spirit‘ – je härter man arbeitet, desto mehr erreicht man. Was jetzt dazu kommt ist, dass es Freude machen darf, eine Leidenschaft ist und auch gut ist für die Umwelt, die Tierwelt und die Menschen um uns herum. Mit dieser Basis kommt alles andere ganz bestimmt.“

2. Kann Yoga die Resilienz stärken? Beate: „Es ist ultimativ das Ziel von Yoga Gegensätze miteinander zuverbinden. Das Wort Hatha Yoga (der körperliche Teil des Yoga) besteht ja aus ‚Ha‘ (die Sonne) und ‚Tha‘ (der Mond). ‚Tha‘ ist das Weibliche, das Yin, das Passive, die Freude. ‚Tha‘ symbolisiert das Männliche, das Aktive, das Yang, das Fokussierte. Resilienz und Gleichgewicht auf allen Ebenen passiert, wenn wir beide näher und näher zusammenbringen und dadurch die Mitte finden. Ein Prozess, der bewusst in uns selbst stattfindet. Das hat mit äußeren Faktoren nichts zu tun. Aus dieser Balance und inneren Ruhe heraus, wenn diese Vereinigung stattfindet, gedeiht die Basis für Wachstum und ultimativ für spirituelle Öffnung. Diese Öffnung führt zur Vereinigung von Yin und Yang; wir kommen in den Fluss, wir sind im Einklang mit dem universellen Bewusstsein – wir sind ,resilient‘.“

3. Yoga und Stress: wie kann Yoga helfen, Stress zu reduzieren und was ist dabei wichtig? Beate: „Wichtig ist die regelmäßige Sadhana – meine tägliche Yoga Praxis. Dazu gehören viele Elemente. Diese reichen von der Ausführung von Yogapositionen auf der Matte, Meditation, Chanten, Wiederholen von Mantren (Energie im Klang), Mudras (Handpositionen), Studieren yogischer Texte bis zu einem yogischen oder einfach persönlichem ‚Journal‘ zu führen. Es bedarf einer gewissen inneren Disziplin (in Yoga nennen wir das ‚Tapas‘) immerwieder zur Matte zurückzukehren, täglich zu meditieren und zum Beispiel auch gesund zu essen. Es ist wie eine Tankstelle für alle unsere Ebenen (körperlich, energetisch, mental und spirituell) auf der einen Seite aber auf der anderen Seite eine konstante Erinnerung, wer wir wirklich sind. Diesen Ursprung vergessen wir Menschen sehr leicht. Wir wurden auch ohne Erinnerung daran geboren. Teil des Sinnes des Lebens ist es einen Weg zu finden, der uns daran erinnert. Yoga ist einer der vielen Wege. Erinnern an was?  Wir halten still, wir fokussieren uns auf den Körper, wir meditieren, wir schauen nach innen und verstehen plötzlich, dass wir mehr sind als nur Tun, Materielles, Körper, Gedanken und Emotionen. Wir beginnen der Beobachter unserer eigenen Gedanken, unseres Körpers und unseres Atems zu werden und erkennen, dass, wenn wir alles beobachten können, dann können wir nicht die Gedanken, der Körper und der Atem sein. Wir hören langsam auf, uns mit unserem Haben und Erfolg, unserem Ego, zu identifizieren und unser wahres Ich in unserer unendlichen Weite und ewigen Seins zu spüren. Wir beginnen wieder langsam zu erkennen, dass wir immer genug sind, so wie wir sind und dass wir aus der grenzenlosen Fülle und nicht dem Mangel schöpfen. In diesem Moment erfahren wir Stille, Frieden und das Rennen hört auf. Was noch aufhört ist Selbstwert durch die Zustimmung anderer zu finden. Das kann nur ein Moment sein, aber je öfter wir unserer ‚Sadhana‘ nachgehen, um so mehr setzen wir dieses Verständnis in uns um. Das führt zu einer gewissen Gelassenheit, Reduzierung des Stresses und inneren Ruhe. Wir kommen und sind im Fluss. Das Gesetz der Anziehung nennt dies ‚den Vortex‘.“ 

4. Yoga und Ganzheitlichkeit: Die Resilienzfaktoren sind ein dynamisches Zusammenspiel, wie trifft das auf Yoga zu? Beate: „Patanjalis Yoga Sutras sind sehr praktisch für uns Menschen. Obwohl in der Antike geschrieben, geben sie uns ‚leicht‘ zu folgende Anweisungen was Yoga ist, warum wir es machen und wie wir zur Krönung des Yoga, der Erleuchtung ‚Samadhi‘, als auch normal Sterblicher kommen können. Patanjali gibt uns netterweise dazu ein  8-Schritt Programm – der achtgliedrige Pfad – der auch Ashtanga Weg genannt wird (ashta=8, tangga = Stufe, Leiter). Details dazu hier.

5. Ernsthaft, wie fokussiert oder wie lustig darf Yoga sein? Beate: „Beides gleichzeitig ist die Kunst! Fokussiert und stark zu sein aber gleichzeitig lächelnd – Sthira sukham asanam (siehe oben 1). Ich sehe immer wieder, dass im Yoga die beliebtesten Lehrer recht streng und fordernd sind und speziell körperlich oft viel von einem Schüler verlangen und ihn/sie dadurch an seine/ihre Grenzen bringen. Aber genau diese Lehrer sind oft auch sehr lustig.  Das hilft enorm, wenn man zum Beispiel gerade in irgendeiner verknoteten Position sitzt, haha. Oder in der Luft hängt 🙂 Das finde ich die ideale Balance bei einem Yogalehrer – als Beispiel für einen Schüler und auch als Beispiel wie man an das eigene Leben rangehen kann. Humor ist doch das Wichtigste. Wenn wir nicht mehr über etwas lachen können und auch die leichte Seite sehen dürfen, wird alles einfach zu ernst. Es gibt soviel Depression, Verwirrung und Burnout rund um uns herum. Dieses Lachen, diese Leichtigkeit ist so wichtig, erinnert uns an unser Menschsein und ist auch ein sehr großer Teil im Yoga. Dieser Humor steht so ideal diesem Tapas (Disziplin) und der regelmäßigen Sadhana, die oft sehr anspruchsvoll sein kann, gegenüber.“

6. Im Yoga werden Standübungen, Umkehrungen, Drehungen und andere Positionen geübt. Um das Bild des Bambus weiter zu führen welche Asanas sind im Yoga die Königshaltungen? Beate: „Ja genau, grundsätzlich teilen wir die Yogapositionen wie folgt ein: Standpositionen, Vorwärtsbeugen, Drehungen, Rückwärtsbeugen, Balancepositionen und Umkehrungen. Die wohl wichtigsten Positionen (mit Ausnahme von Shavasana, die Endentspannung) sind die Umkehrungen. Diese bilden schon wieder einen Gegensatz, der sehr notwendig ist, da wir ja immer aufrecht gehen und der Schwerkraft ausgesetzt sind. Diese Tatsache alleine ist physisch gesehen für uns ein sehr großes Erschwernis in unserem Leben, das so oft übersehen wird. Der untere Rücken und der Nacken tragen ständig enormes Gewicht. Unsere Organe hängen regelrecht nach unten. Das überforderte Herz darf Blut von der kleinen Zehe immer wieder raufpumpen, ganz zu schweigen was der Kreislauf hier leistet. Körperlich gesehen ist eine Umkehrung, wenn auch nur die Beine einmal am Tag zu heben für längere Zeit in der Luft oder an der Wand, von äußerster Wichtigkeit um den Körper in seinem Wachsen und Altern optimal zu unterstützen und alle Köpersysteme anzukurbeln. Spirituell gesehen unterstützt/beschleunigt das Umkehren die Vereinigung des Weiblichen mit dem Männlichen, stimuliert die obersten Chakren (Öffnung zu höheren Energien, Vereinigung  mit universellem Bewusstsein) und aktiviert ‚amrita‘ – den Nektar der Unsterblichkeit – die ewige Quelle der Jugend.“

„Der wirkliche ‚Guru‘ sitzt in dir.“

7. Wie mit Yoga beginnen? Beate: „Ein Lehrer ist sehr wichtig, speziell am Anfang deines Yoga Weges. Yoga wird von der Antike her von Lehrer auf Schüler übertragen. Früher gab es nicht mal Bücher.  Jeder Satz und jede Anleitung für eine Position wurde mündlich von Lehrer zu Schüler weitergegeben.Vorgesprochen, wiederholt. Vorgezeigt, wiederholt. Die ersten paar Jahre ist es von äußerster Wichtigkeit einen Lehrer zu finden, der nicht nur die Ausrichtung deines Körpers anleiten und korrigieren darf, aber dich auch mental, emotionell und spirituell durch Weitergabe der yogischen Weisheit, Philosophie und Schriften inspiriert. Ultimativ ist die Aufgabe des Lehrers, dich zu deinem eigenen Lehrer zu leiten, ihn in dir zu entdecken und dann durch deine eigene tägliche Praxis zu nähren. Man sagt: der wirkliche ‚Guru‘ sitzt in dir. Dieser Lehrer in dir drinnen sagt dir dann, wenn du zu viel oder zu wenig machst, zu weit gehst oder nicht genug an deine Grenzen, welche Positionen du wirklich brauchst heute auf der Matte und welche Haltung dich im Leben mental, emotionell und spirituell gedeihen lässt, damit du jetzt und hier dein Bestes-Sein kannst und ultimativ das an andere weitergeben kannst durch Karma Yoga – selbstloses Service.“

8. Aktuelle Yogatrends – wie erkenne ich, welcher Yogastil zu mir passt? Beate: „Ausprobieren! Jeder Mensch ist anders, deswegen gibt es auch so viele verschiedene Stile. Das ist doch auch das Schöne an Yoga! Manche Menschen mögen sich auch nur auf einen Stil konzentrieren und andere wollen mehrere praktizieren. So wie ich. Ich liebe die Vielseitigkeit. Für mich ist das Tagesverfassung. Mein beliebtester Stil ist Iyengar Yoga, das ich meistens praktiziere. Aber es gibt Tage da brauch ich regelrecht die Ashtanga Vinayasa Primary Serie oder eine freie Vinyasa Sequenz mit Musik. An anderen Tagen fühlt sich Yin Yoga oder Restauratives Yoga gerade richtig an. Alle Wege führen nach Rom. Ich finde, der Yogaweg macht es ganz klar, man wird klarer, man weiß was man will, auch welchen Stil, man mag und braucht.“

Abschlussfrage: Liebe Beate, wie bist du zum Yoga gekommen, was hat sich in deinem Leben dadurch verändert? Beate: Körperliche Beschwerden durch 15 Jahre extremen Sport, Skoliosis und zwei Schwangerschaften fanden endlich Erlösung durch Asanas (Yoga Positionen). Nachdem die Schmerzen langsam nachließen, faszinierte mich die dahinter steckende Yoga Philosophie. Nach meinem ersten Besuch in einem indischen Yoga Ashram beschloss ich sofort die Yogalehrerausbildung zu absolvieren. Nach dieser Ausbildung ’schmiss‘ ich regelrecht meine Immobilienfirma hin und widme mich persönlich und professionell seit 2004, also 14 Jahre ausschließlich nur mehr dem Yoga. Es hat meine Lebensanschauung komplett geändert. Ich verstehe jetzt, was mein Dharma ist,meine Lebensaufgabe. Ich suche das nicht mehr, das ist sehr beruhigend. Ich verstehe jetzt den Sinn das Lebens, wo ich herkomme, wo ich hingehe und ebenwas ich hier auf dieser Welt zu schaffen und weiterzugeben habe. Ich versteheich bestehe aus mehreren Schichten von greifbaren Schichten bis ins Unendliche. Yoga ist für mich ein Instrument immer wieder zu mir zu finden, zu stoppen, zu erkennen und bewusst zu werden. Was nicht heißt, dass ich oft auf Abwege gerate, aber wenigstens erkenne ich es nach einer Weile und komme zurück zur Meditation, zurück zur Matte, komme wieder nach Hause. Ich fühle mich gut aufgehoben, sicher und ewig – das ist etwas was mir kein Mensch, keine Familie, kein Jobund kein Besitztum geben kann – das sitzt tief in mir drinnen und ist mein bester Freund. Welches Problem auch immer plötzlich daher kommt; sei es der Tod von einem Lieben, oder finanzielle Sorge oder ein ‚Problemchen‘ mit dem Freund, ich kehre zurück zu meiner Sadhana. Ich setzte mich hin, schließe die Augen und schaue nach innen. Ich spüre die Erde unter meinen Füssen und beobachte die Atmung. Ich spüre tief in mir einen Platz, wo ich vereint bin mit allem, da gibt es keine Trennung mehr; von nichts und niemandem. Es ist ein Raum der Unendlichkeit, Entspannung, Fülle und bedingungsloser Liebe. Die Yogis nennen diesen Platz Hridaya Kasha – das Licht in der Höhle tief in meinem Herzen drinnen. Auch Atman genannt – die individuelle Seele. Ich erkenne dann in diesem Moment die Weite, der das Allumfassende und meine Sorge weicht. Danke Yoga für dieses Erinnern und für die tägliche Praxis damit ich es nicht vergesse!“

Danke für das Interview!

Links: Baliyoga Wien  108 Sonnengrüße am 31.12. 2018